Text:Otto Gittinger/So semmer Leut/Vom Glauba

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Vom Glauba

Der Pfarrer goht amol dur's Tal
Ond, wo-n-er nan kommt überall
Stoht an de Ställ als Warnengszeiche:
Hier ischt die Maul- und Klauenseuche.
Ans Weberbauramichels Haus,
Do guckt de Alt zom Fenschter raus,
Der Pfarrer grüaßt: "Wie geht's bei euch?
Habt ihr auch Maul- und Klauenseuch?"
"Jo", sait se, ond hängt d' Luppel ra.
"So? was fangt ihr dagegen an?"
"Miar? Geschtern kommt, Se wissa's jo,
Der Oberamtsviechsdoktor do.
Er ontersuacht ond schmiart ond sait:
'Die Hauptsach ischt die Reinlichkeit!'
Em Stall dren reinlich! Was weiß der!
Miar muaß an andrer Dokter her.
Der Polkasäger, descht mei Man,
Der hängt de Viecher Zettel an,
Ond macht en Kreuz uf iare Köpf
Ond flicht aus iare Schwanzhor Zöpf
Ond lait Gebetter ontern Trog
Für jede Viech- ond Menschaplog
Ond bet't dur'n Stall ond en de Eck,
Do muaß a jede Hex aweg!"
"Ja höret, höret," sait der Pfarr,
"Ischt das denn alles wirklich wahr?
Das isch ja schnöd'schter Aberglaub'!"
"Was Aberglaub? Jetz mit Verlaub
Herr Pfarrer, nein sell isch es net,
Des ischt der Glauba-n-ond's Gebet.
Ond," brommt se unter iarer Hauba,
"Sell weißt mer woll, daß Sia nenz glauba!"