Niklaus Manuel „Underscheid zwischen dem Papst und Christum Jesum“

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Niklaus Manuel
Underscheid zwischen dem Papst und Christum Jesum
[103] Ein Faßnacht schimpff, so zů Bern
vff der alten Faßnacht gebrucht ist im xxij. jar.
Nālich, wie vff einer syten der gassen der einig
heiland der welt Jesus Christ, vnser lieber herr
ist vff einem armē eßlin gerittē, vff sinem
houpt die dörnin kron, by im sine
jünger, die armen blinden,
lamen, vnd mancherley
bresthaftigen.
Vff der anderen syten reyt d'Bapst im harnisch
vnd mit grossem kriegß züg, als härnach verstāden
wirt durch die sprüch, so die zween
puren geredt hand, Rüde Vogelnäst,
vnd Cläywe Pflůg.


Entstanden um 1522. Erschtdruck mit »Vom Papst und seiner Priesterschaft« in eim Band: ohni Ort [Bärn], 1524. Uruffüerig 1522, Bärn.

Quälle: Jakob Baechtold (Hrsg.): Niklaus Manuel. Frauenfeld 1878 (Bibliothek älterer Schriftwerke der deutschen Schweiz und ihres Grenzgebietes 2). S. 103-111.


[103] CLÄIWE PFLŮG.
Vetter Rüede, was lebens ist nun vorhand?
Mich dunkt, es sig aber neiwas nüws im land.
Wer ist der gůt fromm biderman,
Der da ein grawen rock treit an
[104] Und uf dem schlechten esel sitzt
Und treit ein kron, von dörnen gespitzt?
Er ist on zwifel ein trut biderman,
Das sich ich im wol an sim angsicht an;
Es ist kein hoffart in im nit,
Sin hofgesind im des zügnuss git:
Die im nachgand, hinkend und kriechen,
Die armen blinden und feldsiechen.
Schouw, was armer lüten gand im nach!
Ich mein, dass er nieman verschmach.
Die armen stinkenden ellenden lüt,
Sie hend doch kein gelt und gend im gar nüt.
Das ist doch ein ellende unlustige schar
Und gand ouch so gar gottsjämerlich dahar:
Der lam, der ander blind, der dritt wassersüchtig!
Und sitzt aber der gůt man so herzlich züchtig,
So ganz schämig und einfeltig uf dem tier.
Lieber min etter Rüedi, wie gfalt er dir?
Lieber etter, weistu, wer er ist,
Ach, so sag mir's ouch durch Jesum Christ!

RÜEDE VOGELNEST.
Etter Cläiwe, ich bekennen in vast wol,
Darumb ich's dir ouch billichen sagen sol!
Er ist unser höchster schatz und hort,
Er ist des ewigen vaters wort,
Das in dem anfang was bi gott,
Do er alle ding beschaffen wott,
Himmel und erden, tag und nacht.
On in ist ganz nüt gemacht,
Noch das firmament, noch der erdenklotz:
Er ist der sun des lebendigen gotts.
Es ist der süess, milt und recht demüetig,
[105] Tröstlich, frölich, barmherzig und güetig
Heilmacher der weit, herr Jesus Christ,
Der am crütz für uns gestorben ist
In sinem dri und drissigsten alter,
Unser schöpfer, erlöser und behalter,
Ein künig aller künig, herr aller herren,
Den ouch die kreft der himel eren.

CLÄIWE PFLŮG.
Verden plůst willen, ist das der?
Wenn er halb als hoffertig wer,
Als unser kilchherr und sin caplan,
So sähe er der bettler keinen an.
Was gemeint der alt glatzet fischer darmit,
Dass er so dapfer neben im dahar tritt,
Und ouch die anderen biderben lüt?
Weist du ouch, was doch das selb bedüt?

RÜEDE VOGELNEST.
Der alt fischer das ist sant Peter.
Der herr Jesus hat kein trumeter,
Blind und lam sind sin trabanten.
Und die in ein sun gottes erkanten,
Das warend schlecht einvaltig lüt;
Die pfaffen schatztend in gar nüt
Und widerstrebtend im alle zit,
So straft er sie umb iren git
Und ander süntlich wis und berden.
Er kond nie eins mit inen werden.
Darumb sie in allwegen verstiessend
Und zůletst am krütz ermörden liessend.
[106] Hie zwischen kam der bapst geritten in grossem triumph in harnisch mit grossem kriegszüg zů ross und fůss mit grossen panern und fenlinen von allerlei nationen lüt. – Sin eidgnossen gwardi all in siner farb, trumeten, pasunen, trummen, pfifen, kartonen, schlangen, hůren und bůben und was zum krieg gehört, richlich, hochprachtlich, als ob er der türkisch keiser wär. Do sprach aber.

CLÄIWE PFLŮG.
Vetter Rüede, und wer ist aber der gross keiser,
Der mit im bringt so vil kriegischer pfaffen und reiser
Mit so grossen mechtigen hochen rossen,
So mencherlei wilder seltsamer bossen,
So vil multier mit gold, samet beziert,
Und zwen spicherschlüssel im paner fiert?
Das nimpt mich frömbd und mechtig wunder.
Wärind nit so vil pfaffen darunder,
So meinte ich doch, es wärind Türken und heiden
Mit denen seltsamen kappen und wilden kleiden:
Der rot, der schwarz, der brun, der blaw,
Und etlich ganz schier eselgraw,
Der wiss und schwarz in ägristen wis,
Und hand darneben ouch grossen fliss,
Dass ieder ein besondre kappen hab;
Der ein in lougsacks wis hinden ab,
Der ander wie ein pfannenstil,
Der dritt gross holzschůch tragen wil;
Rot hüet, schwarz hüet und die flach, breit,
Der drit zwen spitz am hůt uftreit.
Das sind doch wärlich wild fassnachtbutzen,
Die sich doch so gar seltsamlich mutzen.
Wie grosse richtumb schint an disen herren!
Ich gloub, es möcht all fürsten übermeren.
Und warum treit er dri hüpscher guldiner kronen?
Das sag mir, dass dir gott trülichen well lonen!

[107] RÜEDE VOGELNEST.
Das weiss ich ouch und kan dir's sagen.
Man můss in uf den achslen tragen
Und wil darfür gehalten werden,
Dass er sig ein gott uf der erden;
Darumb treit er der kronen dri,
Dass er über all herren si
Und sig ein statthalter Jesu Christ,
Der uf dem esel geritten ist.

CLÄIWE PFLŮG.
Das möcht wol ein hoffertig statthalter sin!
Das lit heiter am tag und ist ougenschin.
Das sind doch warlich zwo unglich personen:
Des ewigen gotts sun treit ein dörne kronen
Und ist der armůt geliebt und hold;
So ist sins statthalters kronen gold
Und benüegt sich dennocht nit daran,
Er wil dri ob einandern han.
So ist Christus fridsam, demüetig und milt,
So ist der bapst kriegsch, rumorisch und wild
Und ritet dahar so kriegsch und fri,
Grad als ob er voller tüflen si.
Die hand in ouch on allen zwifel besessen!
Es rimt sich grad wie kochen und salz messen
Des bapsts und demnach Christus exempel!
Ich wond, er sölte ietz ston im tempel
Und predgen das euangelium fri
On alle eignen fünd und alle triegery;
So predgend ietz vast alle sine pfaffen,
Wie sie sin und iren eignen nutz mögend schaffen.
Sin nutz, sin eer fürderet er alle stund,
Die göttlich eer stosset er zů grund,
[108] So vil er mag und an im ist.
Sie bruchend renk und alle list,
Darmit man koufe vil ablassbrief.
O wäre der see noch so tief
Und lägind sie darin am grund,
Das wäre ein glückselige stund!
Sie stond am kanzel ietz und liegend,
Dass sich ganze wend und bollwerk biegend!

RÜEDE VOGELNEST.
Ja, sie predgend dick an gottsworts statt
Ein märlin, das da gedichtet hat
Ein altes wib, das bi der hechlen sass:
Wie vor ziten ein schůler was,
Der viel dri zän us der nasen.
Der opferet sant Grix ein hasen,
Zwei ristli werk, drü rümpfli harz,
Ein feisste henn, die můsst sin schwarz,
Mit gelen füessen und eim roten kämmen,
Und ouch von einer wissen suw ein hammen.
Das trůg er drümal umb den alter
Und betet anderthalben psalter,
Und gab do dem kilchherren das hůn ze fressen
Und liess im darzů sprechen dritthalbe messen
Von sant Grix und siner götte
Und dass man's eben lesen sötte
Sunst nienen anders, denn vorn im chor.
Do stůndend im die zän wider wie vor.
Und also stossend sie gotts wort under den bank
Und predgend ir eigen tröum und gedank,
[109] Wie das sye geschehen hie und dört;
Eins hat er von siner můter gehört,
Das ander in Esopo gelesen,
Und ist also ein gouglerisch wesen.
Das ist alles unser verstockten sünden schuld,
Wir sind one allen zwifel nit in gottes huld,
Dass er uns also lang hat lassen irren
Und uns die klapperer so gar verwirren.

CLÄIWE PFLŮG.
Botz verden, angstiger schwininer wunden!
Wie hend uns die pfaffen geschaben und geschunden!
Schow etter Rüede und heb acht,
Was habend sie us unserem gelt gemacht,
Das wir inen umb den ablass gaben!
Darmit versolden sie die reisknaben
Und hend gross büchsen lassen giessen.
Dass üch der donder müesse schiessen!

RÜEDE VOGELNEST.
Botz verden, katigen treckigen schweiss!
Wie sind die keiben so glatt und feiss!
Wie hend wir die schölmen müessen mesten!
Sie fressend und trinkend allweg des besten
Und gebietend uns bi gotts ban
Und wend uns ouch weder fleisch noch eier lan,
Und fressend aber sie alles, das sie gelust,
Rebhüenli, gůt feisst kappunen und anders sust;
Das bringt man inen uf ross und wägen.
Dass in's der tüfel müesse gesegnen!

CLÄIWE PFLŮG.
Ja, der brech inen ouch den hals ab!
Ei, dass ich inen ie die gůten guldin gab
[110] Umb den ablass und valschen betrug.
Ich dacht vorhin, es wäre ein lug.
Es bringt mir noch kummer und pin.
Wir wend sie lan des tüfels sin
Und Christo dem herren hangen an,
Der warhaft ist, nit liegen kan;
Der ist allein die seligkeit,
Zů gnad und ablass stets bereit.
Wer im gloubt und tůt vertrüwen
So dick und in sin sünd gerüwen,
So wil er im barmherzigkeit erzeigen.
So spricht der bapst, gotts gnad sig sin eigen,
Man müess es erst von im erkoufen
Und all tag übern seckel loufen;
Und wer das nit glouben well,
Der sig verdampt in die hell.
So gloub ich das und wil druf sterben:
Sin ablass mög mir kein gnad erwerben,
So mög mir ouch sin flůch nit schaden;
Dann Christus hat uns selber gladen
Zů dem himelischen nachtmal
In des öbristen küngs sal;
Da lebt man wol und gibt nieman nüts,
Die ürten hat er selbs bezalt am crütz.
Da werdend wir wie die fürsten leben,
Ganz fri und umbsunst, geschenkt, vergeben.
Welcher gloubt und glebt siner ler,
Dem velt der herr Jesus nimmermer.

RÜEDE VOGELNEST.
Ja, wenn ich sin gnad und huld mag han,
So gilt es mir glich, was lit mir dran?
Gott geb, sie tüegind mich in ban oder ach;
[111] Da fragen ich denn ganz und gar nüt me nach,
So ich den ablass in Jesu Christo wol mag han.
Ich schiss in ablass und wüste den ars an ban,
Der allein umb gelt wirt erdacht,
Von Rom uf einer hundshut bracht.
Wenn sie mich nun me beschissen,
So sönd sie mir's ouch verwissen,
Des hab ich mich ganz eigenlich verwegen,
Und sött es mich costen min schwytzertegen.
End, Amen.

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